Gandersheim



O Gandersheim, Roswithastadt,
Wer mit dem Herzen dich geschaut,
Sein Herz an dich verloren hat,
Dein Bild, so heimelig und traut!

Ein Städeantlitz einzig schön
Da drunten ruht im Talesgrunde:
So lieblich, ach, wie kaum geseh´n
Im deutschen Land in weiter Runde!

Des Münsters lichte Türme ragen
Als Zeuge ferner großer Zeit,
Und rings in unsern späten Tagen
Still geistert die Vergangenheit!

O Gandersheim, ehrwürdig Städtchen,
Ein Voll-Jahrtausend ist verklungen,
Seitdem ein altgermanisch Mädchenauge
Mit hohem Dichtergeist gesungen!

O Meisterin in Vers und Reim,
Du Muse aus Germania,
Roswitha, Stern von Gandersheim,
Dein Name steht für ewig da!

Wie wird das Auge schönheitstrunken
Dort auf des Marktes schmuckem Plan:
Jahrhunderte, schon längst versunken,
Gar stimmungsvoll uns schauen an!

Der Baukunst altgediegene Pracht,
O Rathaus, blickt aus deinen Mauern:
Du trägst zwei großer Zeiten Tracht!
In Ehrfurcht leise wir erschauern!

Der Vorzeit Hauch, er weht schon hier
Uralt aus manchem Bürgerhause,
Darunter manch verborg´ne Zier
Und, Wand´rer, manche sinn´ge Klause!

Wer da den Zauber je erlebt
In einer Schenke Abendschimmer:
In and´re Zeiten ist entschwebt,
Vergißt die schöne Stunde nimmer!

Und allen, die dann heimwärts zieh´n
Sind stille Gäßchen wie ein Traum,
Wenn rings die Lämpchen traulich glüh´n
Durch dieses lieben Städtchens Raum!


                            Günter Kirchner, Delligsen,  20.11.1957